Das eigene Bild von allem

Nichts ist wie es scheint, und das hat gute Gründe. Wie kann es sein, dass wir so oft Dinge so unterschiedlich sehen?

Bauchi

6/9/20264 min read

Ich möchte hier einen Beitrag Teilen, den meine Schwester in Geist und Seele Sandra Lumina Jung heute im Facebook geteilt hat, und meinen Kommentar, den ich darunter gesetzt habe.

𝐖𝐞𝐧𝐧 𝐝𝐢𝐞 𝐄𝐫𝐰𝐚𝐫𝐭𝐮𝐧𝐠𝐞𝐧 𝐠𝐞𝐡𝐞𝐧, 𝐛𝐥𝐞𝐢𝐛𝐭 𝐝𝐢𝐞 𝐖𝐚𝐡𝐫𝐡𝐞𝐢𝐭

Gestern wurde mir etwas sehr Tiefes gezeigt. Viele Jahre glauben wir, Menschen wirklich zu sehen, doch oft sehen wir nicht den Menschen selbst, sondern unsere Vorstellungen von ihm. Wir sehen, wie er sein sollte, was er verändern müsste, was anders sein könnte, und manchmal merken wir nicht einmal, dass wir dadurch nicht dem Menschen begegnen, sondern einem inneren Konstrukt. Irgendwann kommt jedoch ein Moment, in dem all diese Vorstellungen still werden, ein Moment, in dem wir aufhören, den anderen verändern zu wollen, ein Moment, in dem wir aufhören, uns selbst verändern zu wollen. Und plötzlich sehen wir, wirklich sehen, nicht die Rolle, nicht die Geschichte, nicht die Erwartungen, sondern den Menschen. Mit seinen Ecken und Kanten, mit seinen Wunden und seiner Schönheit, mit allem, was er ist. Genau dort fällt eine Last ab, nicht weil sich der andere verändert hat, sondern weil der Widerstand verschwunden ist. Nicht weil plötzlich alles anders wird, sondern weil wir endlich beginnen, das anzunehmen, was schon immer da war.

In den letzten Wochen und Monaten wird mir immer deutlicher gezeigt, dass vieles, was wir für die Wahrheit gehalten haben, lediglich Konstrukte waren, Vorstellungen darüber, wer wir sein müssten, wie Beziehungen sein müssten und wie das Leben zu laufen hat. Manche dieser Konstrukte dienten uns eine Zeit lang, sie halfen uns, Erfahrungen zu machen, zu lernen und zu wachsen. Doch irgendwann werden sie zu eng, und genau dann beginnt die Wahrheit durch die Risse dieser alten Vorstellungen hindurchzuscheinen. Diese Wahrheit ist oft erstaunlich einfach, sie fragt nicht danach, ob du perfekt bist, sie fragt nicht danach, ob du erfolgreich genug bist, und sie fragt nicht danach, ob du allen Erwartungen entsprichst. Sie erinnert dich lediglich daran, wer du in deinem tiefsten Wesenskern schon immer gewesen bist.

Wenn diese Erinnerung geschieht, beginnt etwas ganz Wundervolles. Man erkennt plötzlich, wo man sich selbst verbogen hat, wo man andere nicht wirklich angenommen hat und wo man Rollen gespielt hat, um dazuzugehören, geliebt zu werden oder Sicherheit zu finden. Gleichzeitig erkennt man aber auch, dass unter all diesen Schichten etwas liegt, das nie verloren gegangen ist, eine stille Essenz, eine Wahrheit, ein tiefes inneres Wissen. Es ist schwer, dieses Gefühl in Worte zu fassen, denn man kann es nicht denken, nicht analysieren und nicht erklären, man kann es nur fühlen. Und wenn dieses Fühlen geschieht, entsteht ein Frieden, der nicht von äußeren Umständen abhängig ist, eine Ruhe, eine Weichheit, ein tiefes Ankommen in sich selbst. Plötzlich hört das ständige Suchen auf, das ständige Werdenwollen, das ständige Gefühl, noch nicht ganz angekommen zu sein, und an seine Stelle tritt etwas, das sich kaum beschreiben lässt, weil es nicht aus Gedanken entsteht, sondern aus dem Sein selbst.

Für mich fühlt es sich an, als würde genau das gerade vielen Menschen gezeigt werden, als würde das Leben selbst uns einladen, die Masken abzulegen, die Rollen loszulassen und uns selbst wieder zu begegnen. Vielleicht ist das einer der großen Schlüssel dieser Zeit, nicht noch mehr zu werden, sondern all das loszulassen, was wir nie waren. Nicht noch mehr Rollen anzunehmen, sondern die Wahrheit hindurchscheinen zu lassen, die schon immer in uns gelebt hat. Und vielleicht beginnt genau dort auch die tiefste Form von Liebe, nicht wenn wir jemanden verändern, nicht wenn wir selbst jemand anderes werden, sondern wenn wir den Mut haben, die Wahrheit fließen zu lassen und einander endlich so zu sehen, wie wir wirklich sind. Dann bleibt nur noch das Wesentliche, dann bleibt nur noch die Wahrheit, und aus dieser Wahrheit heraus offenbart sich etwas, das größer ist als jede Vorstellung, die wir jemals von Liebe hatten...

In Liebe,
Sandra Lumina

Mein Kommentar darunter war ergänzend:

Da bin ich vor zwanzig Jahren etwa drauf gestoßen, als ich der Frage nachging, wieso wir mit Menschen zusammen sind, denen wir zwar zum einen sagen, dass wir sie lieben, zum anderen aber von ihnen verlangen, dass sie sich ändern (ja, was denn nun?)

Da hatte ich dann die oben von dir beschriebene Erkenntnis.

Seitdem hat sich zwar nicht geändert, dass ich leider immer noch alles durch meine eigenen Filter sehe, also auch mein Gegenüber, also immer noch nicht den Menschen sehen kann sondern nur eben das was ich in ihm sehe, aber seitdem ist mir genau das eben bewusst, und das macht einen immensen Unterschied. Seitdem ist mir klar, dass wenn ich einen „Fehler im Bild“ sehe, das nicht an anderen liegt, sondern an meiner eigenen Interpretation, meinem Bild von anderen, das offensichtlich fehlerhaft ist. Seitdem fällt mir wesentlich leichter, Menschen dafür aber eben so nehmen zu können wie sie sind und sie so zu lassen, wie sie sind. Manchmal bedeutet das, mich von ihnen abzuwenden, wenn ich mir ein allzu falsches Bild von ihnen gemacht habe, und mit dem nicht klar komme, als was sie sich dann entpuppen. Aber eben ohne inneren Groll gegen sie. Auch das ist etwas, was ich vorher nicht konnte.

Aber diese Erkenntnis führte unweigerlich zu einer weiten, nämlich der, dass das was ich gerade gesagt habe sich nicht nur auf menschliches Gegenüber bezieht, sondern auf alles, was ich wahrnehme. Alles was ich wahrnehme ist gefiltert durch meine eigenen Sichtweisen. Das zu wissen hilft sehr dabei, Dinge so zu sehen wie sie wirklich sind. Und nicht so, wie ich sie mir zurecht biege. Anders herum hilft dieses zurecht biegen können als uns gegebene Fähigkeit immens dabei, Dinge für uns erträglich zu machen, die wir nicht ändern können, mit denen wir aber (zumindest im Moment) leben müssen.

Das alles bedeutete dann für mich, dass an dem Satz „wir leben in einer Matrix“ gleich mehrfach etwas dran ist. Das System, nach dem wir leben, ist ein Muster, also eine Matrix. Bestehend aus Gewohnheiten/Programmen.

Aber auch das, was wir als Materie bezeichnen ist nicht das, was es zu sein scheint. Auch die Materie um uns herum kann für uns immer nur das sein, was wir darin sehen. Und das ist oft von Kopf zu Kopf etwas völlig anderes. Wenn aber beides davon in je einen Kopf real Sinn kann, dann muss diese Materie virtueller Natur sein. Wie auf einem Monitor, wie in einem Film, oder einen Spiel, das nicht nur Augen und Ohren anspricht, sondern gleich fünf Sinne auf einmal (manchmal sogar mehr).

Für mich sind die Dinge von denen du das schreibst essenziell. So etwas sollte man Kindern beibringen, bevor sie lesen und schreiben lernen.

Guter Text!

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